Zei(t)chnungen (seit 2001)

vilnius 2005

Ausstellungseröffnung Vilnius | 2005

Über:

MODERNE KUNST KANN MAN VERSTEHEN, MODERNE WELT NICHT.

„Als ein Sammler von Bildern, Textzitaten, Zeitungsfotos und Filmsequenzen greift Meyer die Mikro-Geschichten des Alltags auf und kombiniert sie wie skizzenhafte Versatzstücke einer sich überall und jederzeit in Szene setzenden Gegenwartskultur. Wort- und Bildsinn stehen in konterkarierendem Widerstreit miteinander.

In computergrafisch bearbeiteten Zeichnungsserien greift er die voyeuristische und zugleich verkürzende, illustrative Bildsprache von Zeitungsfotos auf, die mit knappen Titelkommentaren versehen, das absurde Echo modern-entfremdeter Lebenskonstellationen assimilieren. Die medienübergreifende Perspektive von Meyers Arbeiten gleicht den hybriden Samplingpraktiken einer zitierfreudigen Pop-Kultur.
Texte und literarische Wortkombinationen verbinden sich mit visuellen Kürzeln und Fundstücken aus dem Bilderpool des Medienalltags. Fluktuierende und dem Zusammenhang entrissene Bild- und Worttrophäen treten in ein sich gegenseitig stimulierendes Dialogverhältnis zueinander und verbinden sich zu rhetorischen Figuren einer zunehmend auf entleerte „Icons” reagierenden Medien- und Konsumgesellschaft. Diese in Vilnius als Bildtableau gezeigten Arbeiten fügen sich zu einem Panorama szenischer Momente, deren Bedeutung sich in der sequentiellen Abfolge der Ereignisse nivelliert. Dass dem Wechselverhältnis der visuellen und literarischen Ebene von Meyers treffsicheren Formulierungen häufig ein sarkastischer Tenor entspringt, schärft um so mehr die gleichermaßen bestürzenden wie humorvollen Einsichten in die grenzenlose Absurdität menschlicher Anpassungsphänomene.“

Ursula Frohne (GAK SATELLIT 5, BALTIC DRIFT, 2005)

„… diese druckgraphischen Blätter sind zwar autonome Werke, verstehen sich aber generell als Kommentare oder Randbemerkungen von Ereignissen und Situationen, die alltäglich stattfinden. Dafür lässt er sich von Zeitungsbildern und Pressefotos inspirieren. Oft besonders von so genannter „Stockfotografie“ – so wird ein Reservoir aus Aufnahmen bezeichnet, die mal mehr, mal weniger aussagekräftig sind und gerade deshalb auf verschiedene Situationen passen. Sie liegen bei Bildagenturen auf Vorrat vor und werden für vielerlei Inhalte als Illustration benützt, wenn dafür sonst keine Fotos existieren.

Solche Aufnahmen aus banalen oder aus prominenten, manchmal auch aus absurden, aber immer realen Zusammenhängen, zeichnet Christian Meyer nach. Er konzentriert seine Motive auf ihre wesentliche Form, vereinfacht und stilisiert sie stark und enthebt sie auf diese Weise der Wirklichkeit.

Denn trotz ihrer Realitätsnähe, ihrer Wiedererkennbarkeit gar, wenn es sich z.B. um öffentliche Personen wie Bush oder Queen Elizabeth oder Michael Jackson handelt, scheinen diese Gestalten einem irrealen, fiktiven Raum zu entstammen.

Meyers Bildsprache orientiert sich an derjenigen von Piktogrammen und Comics, aber natürlich ist die klassische Pop Art im Hintergrund ebenfalls präsent. Bei seinen Gestalten hebt er die Kontur hervor und verzichtet auf jegliche Modellierung und Plastizität, ebenso wie auf kleinteilige Binnenzeichnung.

Eine Ausnahme bildet eine kleine Gruppe von Zeichnungen, bei denen er die Erscheinung traditioneller Drucktechniken wie Kupferstich oder Radierung imitiert, und in denen Schraffuren und kleine Linien in den farbigen Flächen an diese Tiefdruckverfahren erinnern.

Wenn er sonst Schattierungen einbezieht, dann bilden diese selbständige, ebenso stark konturierte Flächen, wie die restliche Zeichnung. Es entstehen so neben- oder ineinander große und kleine jeweils monochrome Flächen, ohne Pinselduktus, plakativ und künstlich.

Dieser Eindruck von Künstlichkeit tritt verstärkt in seinen Drucken auf glattem Fotopapier in Erscheinung. Der Druck derselben Motive auf Japanpapier hat hingegen, wegen seiner offeneren, weicheren Oberfläche einen viel lebendigeren, zeichnerischen Charakter.

Mit Witz und Ironie, mit Frechheit und scheinbarer Unbekümmertheit erzählt er in seiner Druckgrafik in knapper, fragmentarischer Form Geschichten, die uns vertraut sind: Die Queen winkt aus ihrer Kutsche, der Umweltminister Gabriel spricht wort- und Gestengewaltig am Mikro, Balkone von „Musterwohnungen“ in Hochhäusern sind flächendeckend im Bild verteilt – gleichzeitig ein Zeichen für Großstadt wie auch für die Anonymität darin.

Ganz im Sinne einer Strategie der Unterwanderung berichtet Christian Meyer aber auch von alltäglichen winzigen oder größeren Grausamkeiten, verpackt in harmloser, unterhaltsamer Form – wer verstehen will, der verstehe.

Manchmal zart, manchmal bissig führt er uns so die gelegentlich absurde Banalität aber auch die ganz schlichte Schönheit des gewöhnlichen Lebens vor Augen.“

Katerina Vatsella (Ausstellungseröffnung TZI Bremen, 2007, Ausschnitt)

„Bei mir ist das Paradigma der Held. Ehrlich gesagt: ich male oder zeichne, wozu ich Lust habe – was mir skurril oder grafisch bzw. zeichnerisch interessant erscheint. Ich gestatte mir dies als Reflex gegenüber der Bilderflut, die mich manchmal das Sehen verlernt- quasi meine eigene persönliche Therapie. Wenn das auch noch Leuten gefällt, dies ist das dritte Mal, daß ich die Möglichkeit habe, die Arbeiten öffentlich zu präsentieren, um so besser….“

Christian Meyer (Artist Statement, 2006)